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Rechte Gewalt 2025

vom 16. April 2026 in Kategorie: Jahresbericht, Pressemitteilung

Pressemitteilung zum Monitoring 2025

Die Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern, LOBBI, dokumentiert für das vergangene Jahr 157 rechtsmotivierte Angriffe. Nachdem bereits im Vorjahr ein Höchststand erreicht wurde (150), stieg die Zahl 2025 somit erneut.

Insgesamt waren 240 Menschen von den Attacken betroffen. Bei fast dreiviertel der Angriffe handelte es sich um einfache (72 Fälle; 2024: 61) und gefährliche Körperverletzungen (44 Fälle; 2024: 35). Nötigungen bzw. Bedrohungen erfasste die LOBBI in 30 Fällen (2024: 34). Zielgerichtete Sachbeschädigungen gelten als Angriff, wenn der Schaden ein massives Ausmaß erreicht oder es zu wiederholten Attacken mit einer gewissen Vehemenz und Folgen für die Betroffenen kommt, dies war 2025 vier Mal der Fall (2024: 12).

Hervorzuheben ist hierbei eine insgesamt zunehmende Brutalität. Denn der Anteil der körperlichen Attacken hat in absoluten wie relativen Zahlen deutlich zugenommen. Dies deutet zugleich auf ein wachsendes Dunkelfeld hin: Anfeindungen unterhalb der Gewaltschwelle werden häufig nicht gemeldet, Bedrohungen und Sachbeschädigungen als weniger bedeutsam gewertet.

Hauptmotiv der Angriffe bleibt mit 77 Attacken weiterhin Rassismus (2024: 81 Angriffe; 2023: 68). Der prozentual leichte Rückgang der Zahlen ist dabei nicht als Zeichen für eine Entspannung zu werten, sondern als Fortsetzung einer schleichenden Gewöhnung an rassistische Gewalt der vergangenen Jahre. Der Aufschrei nach rassistischen Angriffen bleibt häufig aus und viele Attacken schaffen es nicht über die Schwelle der öffentlichen Wahrnehmung. Derweil sehen sich viele Betroffene gezwungen, mit alltäglichen Anfeindungen umzugehen. Solidarität erfahren sie oft nur im engsten Umfeld. Ihre Situation spitzt sich seit Jahren zu und lässt sich häufig nur mit Rück- bzw. Wegzug verändern, als dass Konsequenzen für die Täter:innen folgen würden.

“Restriktive Migrationspolitik als Zugeständnis an rassistische Mobilisierungen und rechte Wahlerfolge hat die öffentliche Debatte erwartungsgemäß nicht entschärfen können. Vielmehr werden Migrant:innen immer wieder zu Bauernopfern im öffentlichen Diskurs gemacht. Dabei wird billigend in Kauf genommen, dass potenziell von Rassismus Betroffene in der Folge von rechten Gewalttäter:innen attackiert werden.”

– Robert Schiedewitz, Mitarbeiter der LOBBI

Die Zahl der Angriffe gegen (vermeintliche) politische Gegner:innen bleibt mit 41 Angriffen auf dem sehr hohen Niveau des Vorjahres (2024: 40; 2023: 19). Betroffene waren Angehörige von Parteien oder zivilgesellschaftlichen Bündnissen, sowie engagierte Einzelpersonen. Hinzu kommen 10 weitere Angriffe gegen Nichtrechte. Darunter versteht die LOBBI Angriffe gegen Personen, die sich dem Dominanzanspruch der Täter:innen widersetzen, weil sie nicht mitmachen oder widersprechen.
Auch die Zahl der queerfeindlichen Attacken nahm mit 15 Angriffen deutlich zu. Ein Trend, der sich bereits im vergangenen Jahr (10 Angriffe) abzeichnete und ein Ergebnis der Feindbildmarkierung ist, die weit über die extrem Rechte hinaus reicht.

„Es sind längst schon nicht mehr nur die Grenzen des Sagbaren, die sich verschieben. Und es darf nicht sein, dass rechte Gewalt als ein Grundrauschen der politischen Auseinandersetzung hingenommen wird. Für die Betroffenen sind die Auswirkungen buchstäblich spürbar. Alle müssen sich die Frage stellen und gefallen lassen, ob sie sich zu Kompliz:innnen in einem zunehmend gewalttätig ausgetragenen Kulturkampf von rechts machen wollen.”

– Robert Schiedewitz, Mitarbeiter der LOBBI

Extrem rechte Jugendgruppen spielten auch 2025 eine große Rolle. Bundesweit und auch in Mecklenburg-Vorpommern standen einige Akteur:innen im Fokus von Ermittlungen. Aufmerksamkeit erregte vor allem das Verfahren gegen die „Letzte Verteidigungswelle“, deren Strukturen erst durch journalistische Recherchen bekannt wurden. Unter anderem zwei mutmaßlichen Mitgliedern aus Mecklenburg-Vorpommern wird in Hamburg derzeit der Prozess wegen Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung und anderen Delikten gemacht.

Ungeachtet dessen treten rechte Jugendliche in mehreren Orten Mecklenburg-Vorpommerns nach wie vor als Straftäter:innen in Erscheinung und versuchen, auf der Straße Dominanzräume abzustecken – im Zweifel mit Gewalt. Auch Schulen und Orte der Kinder- und Jugendhilfe müssen sich weiterhin damit auseinandersetzen.

Gefragt sind aber auch Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden. Sie müssen mit zügigen und konsequenten Verfahren reagieren, um dem Erziehungsgedanken des Jugendstrafrechts auch nur im Ansatz gerecht zu werden.

Wie auch in den vergangenen Jahren, verteilen sich die Angriffe auf das gesamte Bundesland. Besonders heraus sticht der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte mit 31 registrierten Angriffen (2024: 20) und die Landeshauptstadt Schwerin, die mit 17 Attacken – bezogen auf die Einwohner:innenzahl – die mit Abstand höchsten Angriffszahlen ausweist. Die Hansestadt Rostock blieb annähernd auf dem hohen Niveau des Vorjahres (29 Angriffe; 2024: 33)

Mehr als ein Drittel der Betroffenen waren Kinder und Jugendliche (2024: 31,2%). Rassismus ist eindeutig als Katalysator zu erkennen, der entscheidend dazu beiträgt, dass Täter:innen die Hemmschwelle überwinden, Kinder direkt anzugreifen oder in Kauf zu nehmen, dass sie zum Beispiel Angriffe auf ihre Eltern erleben müssen.

„Für die Betroffenen ist das hier Beschriebene kein abstrakter Gegenstand, sondern Alltag: Bedrohung, Angriffe, Angst. Seit Jahren wird vor rechter Gewalt nicht nur gewarnt, sie findet statt, der Anstieg ist sichtbar – und dennoch ändert sich zu wenig. Die Diskussion über die Täter:innen lenkt ab, während die Konzessionen an die stärker werdende extreme Rechte die Lage derjenigen verschärft, die bereits unter den Folgen leiden.

Wir können Jahr um Jahr warnen, die Zahlen werden weiter steigen, wenn die Warnungen kein Gehör finden. Es braucht jetzt Konsequenzen – Gehör und aktiver Schutz für die Betroffenen sind jetzt notwendig und nicht verhandelbar.“

– Robert Schiedewitz, Mitarbeiter der LOBBI

  • Weitere Informationen und ausführlichere Zahlen finden Sie in unserem Hintergrundpapier. Eine Kurzübersicht steht hier zum Download bereit (PDF, 3,9 MB).
  • Details zu unserem Definitionssystem und Erfassungskriterien finden Sie hier.
  • In unserer Chronik sind ausgewählte Angriffe dokumentiert.
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