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Rechte Gewalt 2024 – Besorgniserregende Dynamik

vom 4. April 2025 in Kategorie: Jahresbericht, Pressemitteilung

Die Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern, LOBBI, dokumentiert für das vergangene Jahr 150 rechtsmotivierte Angriffe. Im Vergleich zum Vorjahr (113 Angriffe) ist dies abermals ein deutlicher Anstieg und gleichzeitig die höchste Zahl seit Beginn des Monitorings des Vereins im Jahr 2003.

Insgesamt waren 211 Menschen von den Attacken betroffen. Bei den meisten Angriffen handelte es sich um einfache (2024: 61; 2023: 52) und gefährliche Körperverletzungen (35; 2023: 28). Nötigungen bzw. Bedrohungen erfasste die LOBBI 34 Mal (2023: 27). Zielgerichtete Sachbeschädigungen erfasst die LOBBI als Angriff, wenn der Schaden ein massives Ausmaß erreicht oder es zu wiederholten Attacken mit einer gewissen Vehemenz und Folgen für die Betroffenen kommt, dies war 2024 12 Mal der Fall (2023: 4).
Hauptmotiv der Angriffe ist immer noch Rassismus (2024: 81 Angriffe; 2023: 68). Bereits vor fünf Jahren warnte die LOBBI vor einer gefährlichen Gewöhnung an rassistische Gewalt. Für die Betroffenen sind die Angriffe oft nur die Spitze des Eisbergs. Fast alle berichten von alltäglichen Anfeindungen, Beleidigungen und Diskriminierungen – für viele ist der Alltag ein Spießrutenlauf.
Die Zahl der Angriffe gegen (vermeintliche) politische Gegner:innen der rechten hat sich im vergangenen Jahr auf 40 mehr als verdoppelt (2023: 19). Betroffene waren Angehörige von Parteien oder zivilgesellschaftlichen Bündnissen, sowie engagierte Einzelpersonen. Hinzu kommen Angriffe gegen Nichtrechte – zu den 10 Attacken, die für 2024 erfasst wurden, gehören Bedrohungen sowie Angriffe auf Menschen, die einfach nur menschenverachtenden Aussagen und Handlungen widersprochen haben.
Das zunehmende Dominanzgebaren neuer und alter extrem rechter Jugendgruppen im gesamten Bundesland, sowie das zunehmende Selbstbewusstsein extrem rechter Täter:innen aus der vermeintlichen gesellschaftlichen Mitte, spielt bei diesen Angriffen eine große Rolle und lässt auch zukünftig eine Zunahme der Angriffszahlen erwarten.
Ebenfalls 10 Angriffe richteten sich unmittelbar gegen Orte und Angehörige der LGBTQIA+-Community oder ihre Verbündeten. Sie sind erklärtes Feindbild der extremen Rechten.

„Nicht weiß zu sein oder in der Öffentlichkeit nicht deutsch zu sprechen, ist in Mecklenburg-Vorpommern ein Risiko von Rechten angegriffen zu werden. Sich für Menschenrechte einzusetzen und sich gegen rechte Hetze und für queere Sichtbarkeit zu engagieren, ist mit Abwägungen um die eigene Sicherheit verbunden. Das ist ein Zustand, der wirklich alarmieren sollte, insbesondere wenn auch sogenannte bürgerliche Kreise Minderheitenschutz nicht mehr als Aufgabe und sich selbst nicht mehr als Teil einer pluralistischen Gesellschaft sehen.“
– Robert Schiedewitz, LOBBI

Wie auch in den vergangenen Jahren, verteilen sich die Angriffe auf das gesamte Bundesland. Heraus stechen jedoch wiederholt die Hansestadt Rostock mit einer Verdopplung der Angriffe (2024: 33; 2023: 16), sowie Vorpommern-Rügen sogar mit dreimal so vielen Attacken wie im Vorjahr (2024: 22; 2023: 7).
Fast ein Drittel der Betroffenen waren Kinder und Jugendliche (2024: 32,2%; 2023: 29%). Rassismus ist eindeutig als entscheidender Katalysator zu erkennen, dass die Täter:innen die Hemmschwelle überwinden, Kinder direkt anzugreifen oder in Kauf zu nehmen, dass sie zum Beispiel Angriffen auf ihre Eltern beiwohnen. Insgesamt ereigneten sich 10 Angriffe in oder im Umfeld von Bildungseinrichtungen.

„Gewalt und Diskriminierung können ihre Wirkung erst richtig entfalten, wenn die Betroffenen durch Entsolidarisierungen und Verharmlosungen zusätzlich allein gelassen werden. Sie bezahlen jetzt schon den Preis, den eine Politik der Zugeständnisse gegenüber extrem rechten Akteur:innen mit sich bringt. Ohne ein klares Bekenntnis zu einer offenen und pluralistischen Gesellschaft, das auch konsequente politische Bekämpfung rechter Gewalttäter:innen und ihrer Stichwortgeber:innen nach sich zieht, wird sich die Situation weiter verschärfen.“
– Robert Schiedewitz

Weitere Informationen, ausführlichere Zahlen und eine Auswahl der dokumentierten Angriffe finden Sie in unserem Hintergrundpapier.